Für Tibet und für die Welt

Aus View, August 2008

Welch ein Segen, welche Ehre – und welche Freude! – es doch ist, Seine Heiligkeit den Dalai Lama erneut in Lerab Ling willkommen heißen zu können. Es berührt mich zutiefst, dass er uns die Güte erweist, unseren Tempel, das Institut für Weisheit und Mitgefühl, offiziell einzuweihen und zu segnen.

Heutzutage bewundert die ganze Welt den Dalai Lama als eine Führungspersönlichkeit von außergewöhnlicher Ethik und Autorität. Als Advokat des Mitgefühls, des Friedens und menschlicher Werte nimmt er in den Herzen von Millionen von Menschen einen besonderen Platz ein – natürlich auch als Oberhaupt des tibetischen Buddhismus, als großer Gelehrter und Lehrer, sowie als hoch geschätzte und geliebte Leitfigur des tibetischen Volkes. Seine Heiligkeit war in den letzten dreißig Jahren unser leuchtendes Vorbild und eine beständige Inspiration für unsere gesamte Arbeit in Rigpa. Alles, was wir geleistet haben, und insbesondere der Bau dieses Tempels in Lerab Ling, geschah in dem Bestreben, seinen Anweisungen zu folgen und seiner Vision zu dienen, und war nur dank seines Segens und seiner Unterstützung möglich. Als der Dalai Lama im Jahr 2000 nach Lerab Ling kam, das Gelände segnete und über 12.000 Menschen Belehrungen gab, sagte er:

„Ich bin sehr glücklich, dass hier in Lerab Ling ein Zentrum gegründet wurde, das die buddhistische Kultur, wie sie sich in Tibet entwickelt hat, auf authentische Weise zugänglich machen wird. Denn was zählt, ist die Tatsache, dass es sich um eine authentische und somit beispielhafte Repräsentation der tibetisch-buddhistischen Kultur handelt, die zu einem interkulturellen Austausch innerhalb Frankreichs und an anderen Orten führen kann. Ich bin davon überzeugt, dass dieses Zentrum in Lerab Ling bereits einen Beitrag dazu leistet, die reiche Kultur der tibetisch-buddhistischen Tradition bekannt zu machen, und dies auch weiterhin immer mehr tun wird...”

Selbst heute wissen viele Menschen nicht, dass Tibet bis 1959 ein freies Land war, mit seiner eigenen Kultur, Sprache, Geschichte, Kunst und spirituellen Tradition. Was Tibet so einzigartig machte, war die Tatsache, dass es eine der letzten noch verbleibenden Weisheitskulturen der Welt beheimatete. Es war ein Land, in dessen Geschichte 1.200 Jahre fast ausschließlich einem Ziel gewidmet waren: der Bildung des Herzens und Geistes durch spirituelle Praxis. Während Europa das Mittelalter, die Renaissance, das Zeitalter der Aufklärung und die industrielle Revolution durchlebte, konzentrierte Tibet, isoliert vom Rest der Welt, Jahrhunderte lang Tag und Nacht seine gesamte Energie auf den Aufbau einer Gesellschaft, die sich den Lehren und der Praxis des Buddhismus widmet. Während der Westen anhand seiner Wissenschaft und Technologie allmählich die äußere Welt meisterte, perfektionierte Tibet in seinen Laboren – den Klöstern und Einsiedeleien des Himalaya – die „innere Wissenschaft“ des Geistes, auf ebenso präzise, rigorose und methodische Weise. Als Ergebnis entstand Tibets einzigartiges kulturelles Erbe, das Teil des Welterbes ist. Als Bürger der Welt gehört es uns allen, und wir wären um so vieles ärmer, wenn diese Erbe verloren ginge – nicht zuletzt deshalb, weil es der Welt etwas zu bietet hat, was heutzutage so dringend und unbedingt vonnöten ist.

Einer der Gründe für den Bau dieses Tempels in Lerab Ling ist, wie Seine Heiligkeit angedeutet hat, dass wir ein wirklich authentisches Beispiel der spirituellen Kultur Tibets schaffen wollten, ein Zeugnis für ihrer Einzigartigkeit und Vielfalt. Wir haben also sehr darauf geachtet, dass das Gebäude gemäß den höchsten Ansprüchen und Maßstäben der heiligen tibetischen Architektur gebaut. Viele große tibetische Klöster in Indien, Nepal und Sikkim wurden erkundet, zahlreiche sachkundige Meister um Rat gebeten und tibetische und bhutanesische Künstler und Handwerker wurden ausgewählt, um sicher zu stellen, dass die Malereien, Verzierungen, Inschriften, Statuen und Schnitzereien alle von höchster Qualität sind. Einige haben uns gesagt, dass dies ihrer Meinung nach vielleicht der größte und authentischste Tempel seiner Art in Europa oder sogar im gesamten Westen sei. Wir hoffen, dass Besucher einen äußerst vollständigen und genauen Eindruck sowie eine neue Wertschätzung vieler Aspekte der tibetischen Kultur gewinnen werden. Wir haben das Gefühl, dass dieser Tempel ein bleibendes Vermächtnis bis weit in die Zukunft sein wird, für die Generation unserer Kinder und weit darüber hinaus. Ich betrachte ihn als ein Geschenk an Seine Heiligkeit den Dalai Lama, der die Weisheit und das Mitgefühl dieser Tradition so vollendet verkörpert, und für das Volk Tibets, das so viel durchgemacht hat, um sie uns zugänglich zu machen.

Gleichzeitig soll dieser Tempel auch ein Zuhause für die Lehren Buddhas sein. Die buddhistische Weisheit Tibets ist eine lebendige Erfahrung, die in einer ununterbrochenen Linie bis zum heutigen Tage weitergegeben wurde. Viel wichtiger als der äußere Tempel ist also der innere Tempel: die Frauen und Männer, die die Lehren Buddhas hier praktizieren, studieren und erleben. Im tibetischen Buddhismus gibt es eine Tradition, sich von der Welt zurück zu ziehen, um sich intensiv spiritueller Praxis zu widmen, für einen Zeitraum von drei Jahren und sechs Wochen oder, gemäß anderer Auslegungen, für drei Jahre und drei Monate. Momentan nehmen vierhundert Menschen in Lerab Ling an einem Drei-Jahres-Retreat teil – langfristig interessierte Menschen, die in manchen Fällen schon seit zwanzig oder dreißig Jahren meine Schüler sind. Da weltweit noch weitere dreitausend Teilnehmer dem Retreat in einem langsameren Tempo folgen, ist es wohl historisch bemerkenswert in seiner Größenordnung. Hier im Tempel findet eine kontinuierliche, authentische und zugängliche Ausbildung statt, dass die Linie und Übertragung der beiden Schüsselelemente des tibetischen Buddhismus, Studium und Praxis, aufrecht erhalten wird. Nach diesem Drei-Jahres-Retreat wird der Tempel weiterhin dem Studium und der Praxis gewidmet bleiben, während ich hier gleichzeitig ein buddhistisches Studienkolleg entwickeln möchte, mit einer erstklassigen Bibliothek für das Studium der klassischen indischen und tibetisch-buddhistischen Texte.

Ein weiterer Wunsch, der mir sehr am Herzen liegt und der der Vision Seiner Heiligkeit und aller meiner Meister entspricht, besteht darin, weiterhin bedeutende Lehrer aus allen Schulen des tibetischen Buddhismus, aus anderen buddhistischen Traditionen und auch aus anderen Religionen einzuladen, so dass Lerab Ling zu einem spirituellen Zentrum heranreift, dass wirklich offen und „ohne Grenzen“ – auf tibetisch Rime – ist.

Ziel des Instituts für Weisheit und Mitgefühl ist es, die buddhistischen Lehren der ganzen Welt in größtmöglichem Umfang anzubieten. In Lerab Ling werden wir daher damit fortfahren, unser abgestuftes Ausbildungsprogramm – eine gründliche, zugängliche Präsentation des gesamten Pfades des Buddha – weiter auszuarbeiten, sowie Lehrer und „Carer“ für die weltweiten Rigpa-Zentren auszubilden. Darüber hinaus wird das Institut auch erforschen, wie die Weisheit und das Mitgefühl Buddhas jenen helfen können, die leiden, sei es im Leben oder angesichts des Todes. Wir leisten bereits hervorragende Arbeit in der Begleitung am Lebensende, und Lerab Ling wird mit dem Zentrum für spirituelle Begleitung in Dzogchen Beara, unserem Retreat-Zentrum in Südirland, zusammenarbeiten. Parallel dazu sind wir sehr daran interessiert, die Essenz der Lehren für die allgemeine weltliche Bildung und Erziehung aller Altersgruppen zusammenzufassen, und unsere Kursangebot „Praktische Weisheit“ für Manager und Geschäftsführer weiter zu entwickeln. Was diese Öffnung für das breite Publikum betrifft, wird Lerab Ling eine Partnerschaft mit dem Tenzin-Gyatso-Institut in Amerika eingehen, das speziell der Unterstützung der Vision Seiner Heiligkeit des Dalai Lama gewidmet ist.

Ich wünsche mir, dass Lerab Ling eine Verbindung zu anderen Glaubensrichtungen aufbaut und auch zunehmend zum Leben der Region beiträgt, auf Grundlage der guten Beziehungen zur lokalen Gemeinde, zur Universität von Montpellier, den Menschen, die im Gesundheitsbereich tätig sind, und den bereits entstandenen Kontakten durch unsere internationalen Foren über Buddhismus und Medizin. Das Institut für Weisheit und Mitgefühl wird sich meines Erachtens mehr und mehr zu einer neuen Art eines buddhistischen Zentrums entwickeln, einem Schmelztiegel, in dem kreative Treffen und Begegnungen zwischen verschiedenen Fachbereichen und Traditionen stattfinden können, um der Gesellschaft zu nutzen.

Schließlich möchte ich Sie einladen, sich auszumalen, welche langfristigen Auswirkungen allein die Präsenz dieses Tempels auf die Landschaft und auf alle, die hierher kommen, haben wird. Denken Sie an all das, was dieser Tempel enthält, und an diese wunderbare Buddhastatue, die eine Replik der berühmten Statue im Mahabodhi-Tempel in Bodhgaya ist – dem Ort in Indien, an dem Buddha Erleuchtung erlangte. Die Statue in Bodhgaya wird von Praktizierenden des Buddhismus aller Traditionen verehrt und weltweit als die heiligste und wichtigste aller Buddhastatuen betrachtet, was uns dazu geführt hat, ein Abbild davon als zentrale Statue für unseren Tempel herstellen zu lassen. Der Buddha in Lerab Ling, in Burma in der althergebrachten Methode des Bronzegusses gefertigt, ist ein Meisterwerk und recht einzigartig. Tatsächlich haben tibetische Meister, die ihn gesehen haben, angemerkt, dass sie keine Statue kennen, die mit diesem Buddha vergleichbar wäre. Aufs genaueste den traditionellen Anleitungen folgend wurde die gesamte Statue mit heiligen Reliquien gefüllt, die von vielen großen Meistern zusammengetragen wurden, darunter auch drei Reliquien des Buddha, die uns Seine Heiligkeit schenkte, sowie Schriften und Mantras. Bei jeder Etappe des Aufbaus der Statue wurden besondere Praktiken durchgeführt, um sie zu segnen – all das in der Absicht, Frieden und Harmonie in der Umgebung und der Welt insgesamt herbeizuführen. Darüber hinaus wurde der Buddha von vielen großen Meistern und durch all die Praxis, die im Tempel durchgeführt wird, gesegnet und wird es auch in Zukunft werden. Ein Gebet oder eine Meditation vor einer Statue, die derartig vom Segen der Buddhas erfüllt ist, erzeugt, wie man sagt, enorme positive Kraft und Verdienst.

Deshalb fällt jedem, der in der Gegenwart dieses Buddhas, sofort seine Stille und heitere Gelassenheit auf. Er strahlt ein greifbares Gefühl von Frieden aus, so überwältigend, dass jede Aufregung oder Nervosität im Geist unter dem mitfühlenden, majestätischen Blick des Buddhas plötzlich vor Ehrfurcht zu schrumpfen und einfach wegzuschmelzen scheint. Der Geist ist entwaffnet und wird still. Alles rastlose Denken verklingt und ein tiefes und bedingungsloses Gefühl von Wohlbefinden macht sich breit.

Zu beiden Seiten dieser Statue befinden sich insgesamt tausend vergoldete Buddhastatuen im Tempel, Kopien einer meisterhaften Statue des besten Kunsthandwerkers in Nepal, nach dem Vorbild eines alten Originals des Nalanda-Klosters, das aufgrund seiner unvergleichlichen Schönheit seiner Proportionen für den Tempel gewählt wurde. Viele weitere heilige Statuen, Reliquien und ausgezeichnete Thangka-Gemälde, gesegnet von den Heiligen der Vergangenheit, sind in diesem Tempel zu finden, alle mit ihrer ganz eigenen Geschichte, darunter einige der heiligsten Statuen Tibets. Insgesamt betrachtet ist der Segen, der an diesem Ort versammelt ist, wirklich außergewöhnlich, und ich habe das Gefühl, dass allein der Anblick des Tempels einen kraftvollen und dauerhaften Eindruck in allen hinterlassen wird, die ihn sehen.

Was mich immer inspiriert hat, ist die Tatsache, dass ein mittelalterlicher Pilgerweg nach Santiago di Compostela in Spanien durch unser Gelände in Lerab Ling führt. Santiago wurde zu einem Pilgerort aufgrund seines Reliquienschreins des Apostels Jakobus, einem der Jünger Christi. Mit derartig vielen heiligen Reliquien des Buddha und anderer großer Meister im Tempel in Lerab Ling, kann ich mir manchmal vorstellen, dass auch er vielleicht eines Tages ein Pilgerziel sein wird, das die gesamte Gegend, ganz Frankreich, Europa und die gesamte Welt mit seinem Segen erfüllt.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass der Tempel in Lerab Ling nur aufgrund der Großzügigkeit, des Engagements und der Hingabe meiner Schüler existiert. Meine tiefste Dankbarkeit und Bewunderung gilt ihnen allen, denn dies war wirklich eine gemeinsame Anstrengung, ein echtes Werk der Liebe. Wie immer wir den Tempel betrachten wollen – als eine Repräsentation der tibetischen Kultur, ein Zuhause für den tibetischen Buddhismus, ein Zentrum, aus dem die Lehren des Buddha in alle Richtungen verbreitet werden, oder ein Pilgerort für zukünftige Generationen – wir haben diesen Tempel gebaut, weil er unseres Erachtens am besten dazu beitragen kann, Weisheit, Mitgefühl und Frieden in die Welt zu bringen.

Vielerorts erkennen die Menschen heutzutage, dass spirituelle Weiterentwicklung kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit für unser Überleben. Man muss sich nur die fast verzweifelte Sehnsucht nach einer spirituellen Sichtweise betrachten, die überall zu finden ist, sowie das Verlangen nach Mitteln, um mit den Herausforderungen des Lebens umgehen, Glück finden und den Geist verstehen und transformieren zu können. Das ist der Grund, warum die Existenz spiritueller Zentren wie Lerab Ling zu einer echten Notwendigkeit geworden sind, da die Zukunft der Menschheit von der Zugänglichkeit der spirituellen Lehren und dem Aufbau einer spirituellen Kultur abhängig sind.

Dieser Tempel ist für Tibet und er ist für die Welt. Ich bete, dass er Seiner Heiligkeit, der tibetischen Kultur und dem tibetischen Volk nutzen wird. Ich hoffe, dass er die tiefsten Wünsche Seiner Heiligkeit und aller großer Meister erfüllen wird. Und es ist mein ständiges Gebet, dass Lerab Ling seinem Namen – „ein Zufluchtsort erleuchteter Handlung“ – gerecht werden wird und dass durch das, was hier geschieht, viele, viele Menschen die Wahrheit der Lehren des Buddha verstehen, erfahren und verwirklichen werden und somit unmittelbar davon profitieren sowie dauerhaftes Glück für sich selbst wie auch andere herbeiführen werden.