Vertrauen, Hingabe und Weisheit

Welche Rolle spielt das Vertrauen im Buddhadharma? Ist es lediglich blindes Vertrauen? Und was steht an erster Stelle, Vertrauen und Hingabe oder Weisheit? Sogyal Rinpoche beleuchtete diese und ähnliche Fragen in seiner Ansprache auf der Konferenz buddhistischer Lehrer im Juni 2000 in Kalifornien.

„Vertrauen geht allem voran und schenkt, wie eine Mutter, Leben;
es lässt alle Tugenden entstehen und heranwachsen,
beseitigt alle Zweifel und befreit uns vom Leid der Geburt, des Alters, der Krankheit und des Todes;
Vertrauen offenbart die Stätte des Glücks.

Vertrauen macht den Geist makellos und rein,
erlöst uns von Stolz und ist die Wurzel der Hingabe.
Vertrauen ist wie ein Schatz. Es gleicht unübertroffenem Reichtum und Frieden, und ist,
wie Hände, das wichtigste Mittel, um Tugend anzusammeln.“


Buddha im „Sutra der Juwelenlampe“

Im Buddhismus ist Vertrauen unabdingbar: Ohne Vertrauen, so heißt es in den Lehren, kann sich nichts Positives entwickeln, so wie ein vertrockneter Samen nicht sprießen kann. Shantideva zitiert Buddha in seinem „Kompendium der Schulungen“:

„Wer sich wünscht, das Leid zu beenden und hehres Glück zu erlangen, muss die Wurzel des Vertrauens fest verankern und seinen Geist stabilisieren, im Streben nach Erleuchtung.“

Was genau ist Vertrauen? Im Abhidharmakosha heißt es:

„Vertrauen ist vollständige Zuversicht in das Gesetz des Karma, der Ursache und Wirkung, in die vier edlen Wahrheiten und die drei Juwelen. Es ist auch ein Streben nach spiritueller Vollendung und eine Wertschätzung der Wahrheit auf der Basis eines klaren Verstands.“

Wie erwecken wir dieses Vertrauen? Die einzige Möglichkeit besteht darin, erst einmal unsere gewöhnliche Intelligenz zu benutzen. Durch die Weisheit des Studierens, des tiefen Reflektierens und des Meditierens über die Belehrungen untersuchen wir diese, genau wie Buddha in dem berühmten Beispiel sagte, dass wir Gold untersuchen müssen:

„Oh, Bhiksus und Weise,
genau wie ein Goldschmied sein Gold prüft,
indem er es brennt, schneidet und reibt,
müsst ihr meine Worte untersuchen und sie
akzeptieren,                                               
aber nicht nur aus Verehrung für mich.

Wenn wir die Belehrungen studieren, inspiriert dies in uns ein Vertrauen in die Wahrheit des Dharma, das sich in vier Stufen entfaltet: lebendiges Vertrauen, eifriges Vertrauen, zuversichtliches Vertrauen und schließlich unumstößliches Vertrauen. Dilgo Khyentse Rinpoche erklärt: „Wenn Vertrauen so sehr ein Teil von dir geworden ist, dass du es niemals aufgeben würdest, selbst wenn es dein Leben kosten würde, ist es unumstößliches Vertrauen. Wenn dein Vertrauen diesen Punkt erreicht hat, wirst du immer vollkommen zuversichtlich bleiben, was immer auch die Situation.”

Im Buddhadharma ist Vertrauen also kein blindes Vertrauen, sondern wird durch logisches Denken und Untersuchen bewiesen. Nagarjuna sagte in seinem Werk „Kostbare Girlande“:

„Durch Vertrauen verlässt man sich auf das Dharma;
durch Weisheit ist man sich gewiss.
Von diesen beiden ist Weisheit das Wichtigste;
doch Vertrauen ist die Vorraussetzung.“

Wenn es stärker wird, verwandelt sich Vertrauen in Hingabe, und eine enorme Dankbarkeit gegenüber dem Lehrer kommt in uns auf, die uns über den gewöhnlichen dualistischen Geist hinausträgt. Unser Herz ist so offen, dass das Greifen nach dem Selbst wegfällt und die transzendente Weisheit der Prajñaparamita in uns erweckt wird. Mit dieser Hingabe geht der Segen einher, der die Verwirklichung vorantreibt. Wie es heißt:

„Innewohnende, absolute Weisheit kann nur als Anzeichen dafür aufkommen,
dass man Verdienst angesammelt und Verdunklungen gereinigt hat,
und durch den Segen eines verwirklichten Lehrers.
Wisse, dass es töricht wäre, sich auf andere Mittel zu stützen...“

An diesem Punkt enthüllt Hingabe die innerste Natur des Geistes. Patrul Rinpoche erklärt:

„Wenn du ein recht außergewöhnliches Vertrauen entwickelt hast, wird der Segen des Lehrers und der drei Juwelen durch seine Kraft in dich eintreten. Dann wird wahre Verwirklichung entstehen und du wirst ein noch außergewöhnlicheres Vertrauen und unumstößliche Zuversicht in deinen Lehrer und die drei Juwelen verspüren. Auf diese Weise unterstützen sich Vertrauen und die Verwirklichung des natürlichen Zustands gegenseitig.“

Hingabe ist das, was uns inspiriert, was uns bewegt und berührt und den „natürlichen Zustand“ enthüllt, die innerste Natur des Geistes. Für mich ist Hingabe eine Form von Liebe, jedoch eine Liebe, die von Weisheit durchdrungen ist, die tiefgründigste Art von Liebe, die vom menschlichen Herz und Geist erfahren werden kann.

Der Pfad der Hingabe wird zu einem Training des Geistes in reiner Wahrnehmung, und wenn sie sich vertieft, wird alles als eine Entfaltung von unendlicher Heiligkeit und Reinheit erfahren. Die Welt um uns herum erhebt sich selbst als unser Lehrer.

Hingabe beinhaltet jedoch immer Intelligenz. In den Lehren wird erklärt, wie wesentlich es ist, dass der Schüler den Lehrer untersucht, bevor er ihn zum Lehrer nimmt, und der Lehrer den Schüler prüft. Die Qualitäten eines echten Lehrers werden äußerst detailliert in den Schriften beschrieben.

Wir sollten bestimmte Punkte genau verstehen, wenn es um Hingabe geht:

– Wahre Hingabe ist keine geistlose Verehrung.
– Sie enthebt uns nicht unserer Verantwortung für uns selbst.
– Noch bedeutet es, der Persönlichkeit und den Launen des Lehrers unterschiedslos zu folgen.
– Echte Hingabe ist klar, geerdet und intelligent.
– Vor allem sollte man sie nie mit gewöhnlichen, Leid verursachenden Emotionen verwechseln.

Darüber hinaus ist Hingabe ausschließlich zu deinem eigenen Wohle da. Der gesamte Sinn und Zweck ist, uns dabei zu helfen, uns vom Greifen des Ego zu befreien. Wahre Hingabe ist also keine Abhängigkeit, sondern im Gegenteil eine Befreiung.

Ganz einfach ausgedrückt ist Hingabe eine geschickte und praktische Art, uns empfänglicher für die Wahrheit der Lehren der Übertragungslinie zu machen, wie sie vom Lehrer verkörpert und übertragen werden.

In der modernen Welt, so glaube ich, sollte Hingabe mit großer Vorsicht gelehrt werden.

– Zuerst sollte es Schülern gestattet sein, ihren eigenen Weg und ihr eigenes Niveau zu finden. Hingabe wird vom Lehrer nicht „erwartet“ und die Schüler sollten sich nicht gezwungen fühlen, Hingabe zu kultivieren. Hingabe muss im Einklang mit der spirituellen Entwicklung jedes einzelnen wachsen.

– Als nächstes sollten wir uns dessen bewusst sein, dass Menschen nicht nur gesellschaftliche Vorurteile mitbringen, sondern auch ihre eigene emotionale und psychologische Geschichte. Sie kommen vielleicht aufgrund von allen möglichen unbewussten Bedürfnissen, Sorgen und Erwartungen. Wir wissen auch, dass Probleme wie Projektionen und Übertragungen heutzutage sehr real sind. Ein Lehrer muss sich all dessen bewusst sein und einem Menschen langsam helfen, einen Platz für Hingabe in der eigenen Praxis zu finden, frei von Leid verursachenden Emotionen.

– Falsche Vorstellung über so etwas wie Hingabe entstehen letztendlich auch, wenn man kein vollständiges Wissen über die Belehrungen oder keine grundlegende Ausbildung im Dharma hat.

All das betont noch einen meiner Meinung nach wesentlichen Punkt für die Zukunft des Buddhadharma: die Wichtigkeit einer grundlegenden Ausbildung, einer gründlichen Basis im Dharma, die es den Menschen ermöglicht, zu einem Verständnis zu gelangen, das nicht begrenzt oder falsch ist, sondern der Reichhaltigkeit des Dharma entspricht. Ich denke, die Rolle der Lehrer besteht heute darin, ernsthaft darüber nachzudenken, die Ausbildung im Dharma zu verstärken und zu vertiefen, sowohl für sie selbst als auch für die Schüler. Es unterstreicht die Wichtigkeit, für jene, die einem vollständigen spirituellen Pfad folgen möchten, ein ernsthaftes Studium anzubieten, eine Grundlage und Training im Dharma.

Und darum tue ich mein Bestes, um ein Curriculum des Studiums und der Praxis in unserer eigenen Dharma-Gemeinschaft zu entwickeln, in Sinne des „Rime“, indem ich den Rat von Meistern, alten und jungen, aller Traditionen einholen.