Rechte Sicht und falsche Sichtweisen

Unser Geist kann wunderbar sein, doch gleichzeitig kann er unser schlimmster Feind sein.

In diesem Artikel, der für Rigpas Journal View geschrieben wurde, zeigt uns Sogyal Rinpoche, wie wir Zweifel und Misstrauen verstehen und falsche Sichtwesen erkennen können.

Der Buddha erzählte einmal die Geschichte von einem jungen Händler, dem seine wunderschöne junge Frau einen Sohn gebar. Zu seiner größten Trauer wurde seine Frau bald nach der Geburt krank und starb. Der Mann übertrug nun seine ganze Liebe auf das Kind, und so wurde sein Sohn die einzige Quelle seiner Freude und seines Glücks. Als er eines Tages in Geschäften unterwegs war, kamen Banditen, brannten das Dorf nieder und raubten auch seinen fünf Jahre alten Sohn. Als er, von seiner Reise zurückgekommen, die Zerstörung sah, war er außer sich vor Trauer. In den Ruinen fand er die verscharrte Leiche eines kleinen Kindes und hielt sie in seiner Verzweiflung für den Körper seines kleinen Sohnes. Er raufte sich die Haare, schlug sich auf die Brust und schluchzte hemmungslos. Schließlich arrangierte er eine Verbrennungszeremonie, sammelte die Asche ein und bewahrte sie in einem kostbaren Seidensäckchen auf. Ob er nun arbeitete, schlief oder aß, immer hatte er dieses Säckchen mit der Asche bei sich. Sehr oft saß er völlig in sich gekehrt allein da und schluchzte Stunde um Stunde.

Nach vielen Jahren gelang es seinem Sohn, den Räubern zu entkommen und seinen Weg nach Hause zu finden. Es war Mitternacht, als er am neuen Haus seines Vaters ankam und an die Tür klopfte. Der Mann lag schon im Bett, schluchzend, das Säckchen mit der Asche wie immer neben sich. „Wer ist da?“ fragte er. Das Kind antwortete: „Ich bin es, Vater, dein Sohn. Mach mir die Türe auf.“ In seiner Verzweiflung und Verwirrung konnte der Vater nur an einen üblen Streich irgendeines Lausbuben glauben. Deswegen schrie er: „Verschwinde! Lass mich gefälligst in Ruhe.“ Und dann begann er wieder zu schluchzen. Wieder und wieder klopfte der Junge an, aber der Vater ließ ihn nicht ein. Schließlich drehte sich der Sohn um und ging weg. Vater und Sohn haben sich nie wieder getroffen.

Als der Buddha zum Ende seiner Geschichte kam, sagte er: „Manchmal ist es so, dass wir irgendetwas für die Wahrheit halten. Aber wenn wir zu stark daran festhalten, werden wir uns der echten Wahrheit nicht mehr öffnen, selbst wenn sie persönlich an unsere Tür klopfen sollte.“

Was ist es, das uns derart stur an unseren Annahmen, Glaubenssätzen und Vorurteilen festhalten lässt? So fest, dass wir die Realität überhaupt nicht mehr wahrnehmen und die Wahrheit völlig verdrehen, wie der Vater in der Geschichte des Buddha. In den buddhistischen Lehren sprechen wir von „einem Grund und zwei Pfaden“. Damit meinen wir, dass im Grunde unsere ursprüngliche Natur genau dieselbe ist wie die der Buddhas. Die Buddhas haben diese ihre Natur erkannt, sind erleuchtet und haben damit den einen Pfad eingeschlagen; wir jedoch erkennen nicht, sind verwirrt und darum auf einem anderen Pfad unterwegs. In diesem Versagen der Erkenntnis, dieser Wüstenei des Nicht-Gewahr­seins erfinden und konstruieren wir unsere ganz eigene Wirklichkeit. Wir machen etwas, das in Wirklichkeit ein Missverständnis ist, zu unserer Sicht, und diese Sicht prägt dann unser gesamtes Leben und färbt unsere gesamte Wahrnehmung. Falsche Sichtweisen sind laut Buddha das Schlimmste und die Quelle aller anderen zerstörerischen Handlungsweisen von Körper, Sprache und Geist, die uns unendlich an den Zyklus des Leidens binden, den wir „Samsara“ nennen.

In seiner ersten Belehrung erklärte der Buddha, dass die Wurzelursache des Leidens das Nicht-Erkennen, die Unwissenheit, ist. Aber wo genau ist diese Unwissenheit? Und wie zeigt sie sich, wie wird sie manifest? Nehmen wir ein Beispiel aus dem Alltag: Denken wir einmal an Menschen, die mit großer Intelligenz gesegnet sind und die sehr subtile Ideen entwickeln können; davon kennt jeder von uns einige. Ist es nicht erstaunlich, wie eben diese Intelligenz sie nur noch stärker leiden lässt, statt ihnen hilfreich und nützlich zu sein, wie man eigentlich erwarten sollte? Es ist fast so, als wäre ihre Intelligenz und Klugheit tatsächlich direkt für das Ausmaß ihres Schmerzes verantwortlich.

Was hier geschieht, ist eigentlich ganz klar. Unsere Intelligenz steht unter der Diktatur unseres Nicht-Erkennens, der Unwissenheit, die dann ganz nach Belieben, zu ihrem eigenen Nutzen, Gebrauch von ihr macht, sie für ihre eigenen Zwecke nutzt. Das ist der Grund, warum wir zwar außerordentlich intelligent sein und trotzdem völlig danebenliegen können – beides zugleich! Das ist der Grund, warum wir mit einer derartigen Sicherheit etwas Falsches als richtig betrachten und selbst unter schlimmstem Bedingungen nicht bereit sind aufzuwachen und der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen. Es ist mit Sicherheit einer der traurigsten Aspekte unseres Lebens, dass wir die grundlegenden Ursachen unseres Leidens nicht erkennen können. Ist es nicht eigenartig, dass wir die Unwissenheit niemals wirklich bei der Arbeit beobachten? Aber genau das ist es – dieser Mangel an Gewahrsein, das genau macht unsere Unwissenheit aus. Das ist es, was wir auf Tibetisch „ma rigpa" nennen.

Es kann nun keinen größeren Fehler geben, als zu denken, dass Unwissenheit irgendetwas Dumpfes oder Blödes sei, dass sie passiv sei oder ein Mangel an Intelligenz. Im Gegenteil. Sie ist gewieft und aalglatt, geschmeidig und genial im Spiel der Täuschung. In unseren falschen Sichtweisen und glühenden Überzeugungen finden wir eine der tiefsten und, wie der Buddha sagt, gefährlichsten Manifestationen:

Was fürchtest du einen wild gewordenen Elefanten,
der höchstens deinen Körper hier und jetzt vernichten kann,
während du gleichzeitig unter dem Einfluss missgeleiteter Menschen und falscher Sichtweisen stehst,
was nicht nur das gesamte Verdienst, das du in der Vergangenheit angesammelt hast, zerstört,
sondern darüber hinaus deinen Pfad zur Freiheit für die Zukunft blockiert.

Unter Einsatz unserer ganzen Intelligenz rechtfertigen wir also unsere falschen Sichtweisen und konstruieren um uns herum ein sorgfältig geschütztes, undurchdringliches Abwehrsystem. Wenn wir misstrauisch sind, finden wir überall Verbündete, die uns in unserem Misstrauen unterstützen. Wir errichten ein Schutzzelt des Zweifels um uns herum, das wir um jeden Preis wasserdicht und nahtlos halten müssen, damit keine Risse entstehen, durch die vielleicht Verständnis einsickern könnte.

Falsche Sichtweisen und falsche Überzeugungen können die zerstörerischsten aller unserer Verblendungen sein. Sicherlich waren auch Adolf Hitler und Pol Pot überzeugt, das Richtige zu tun. Genauso geht es uns allen. Auch wir haben dieselbe gefährliche Tendenz, Überzeugungen zu entwickeln, daran zu glauben, ohne sie zu hinterfragen, und unter ihrem Einfluss zu handeln und so für uns und für alle anderen um uns herum sehr viel Leiden zu schaffen.

Auf der anderen Seite ist es das Herz der Lehren des Buddha, „die Dinge so zu sehen, wie sie sind“, ihren tatsächlichen Zustand direkt zu erkennen. Das nennen wir „Rechte Sicht“. Es ist eine Sicht, die allumfassend ist. Und es ist die Aufgabe der spirituellen Lehren, uns diese vollständige Perspektive der Natur des Geistes und der Natur der Wirklichkeit zu vermitteln. Es heißt, die Lehren bewirken zweierlei: Erst eliminieren sie das falsche Ich, und dann vermitteln sie uns die Weisheit der Unterscheidung, die Möglichkeit zu erkennen, was angemessen und richtig ist. Aus diesem Grund ist es so wichtig, eine sichere Grundlage in den Lehren zu haben. Denn nur dadurch kann die frische Brise geistiger Gesundheit und Weisheit in unsere Verwirrung hinein blasen und die Verdrehungen und das Leiden der falschen Sichtweisen wegpusten. 

Natürlich sind die Menschen verschieden, einige brauchen länger, bis sie die Lehren wirklich zu hören beginnen und es ihnen tief in ihrem Herzen und in ihrem Geist einen „Kick“ gibt. Wenn das aber geschieht, dann hat man wirklich die Sicht. Was immer euch dann an Schwierigkeiten begegnen mag, ihr werdet immer eine Art von Heiterkeit, Stabilität und von Verständnis aufrechterhalten können – ein innerer Mechanismus wird aktiviert, den man vielleicht den „inneren Transformator“ nennen könnte. Dieser Mechanismus ist immer für euch aktiv und schützt euch davor, wieder in falsche Sichtweisen zurückzufallen. Mit dieser Sicht habt ihr einen Weisheitsführer in euch selbst entdeckt, der immer zur Hand ist, euch mit Rat und Tat zur Seite steht, euch unterstützt und stets an die Wahrheit erinnert. Verwirrung wird auch dann noch entstehen. Das ist nur normal, aber mit einem wesentlichen Unterschied: Ihr werdet nicht mehr wie besessen auf die Verwirrung bestehen, sondern sie mit Humor sehen, sie aus einer anderen Perspektive und mit Mitgefühl sehen.

Betrachten wir die falschen Sichtweisen noch eingehender. Es ist eine Tatsache, dass es vielen Menschen an dem sicheren Fundament der Lehren fehlt. Ohne diese Basis können wir uns erschreckend leicht von fast allem überzeugen und überreden lassen. Sind wir dann einmal vom Falschen überzeugt, finden das Misstrauen, die Verdrehungen, die falschen Wahrnehmungen, die unsere falschen Überzeugungen Tag und Nacht immer weiter füttern, und uns immer wieder beweisen, wie Recht wir doch haben, kein Ende mehr. Wann immer wir etwas nicht verstehen oder uns in einem negativen Geisteszustand befinden, suchen wir intensiv nach Gründen, die unsere Verwirrung und unsere Negativität rechtfertigen. Wie ein bestochener Anwalt bedienen wir uns wie besessen nur bestimmter Argumente und werten alle Beweise zu unseren Gunsten. Wir unterdrücken alle gefährlichen Erklärungen und besonders die Wahrheit.

Schließlich trauen wir uns nur noch unter Leute, die unsere falschen Überzeugungen teilen. Obwohl wir nach außen hin vielleicht noch den Anschein der Offenheit wahren mögen, wagen wir es nicht mehr, uns anderen Meinungen auszusetzen. Darüber hinaus sind wir ja sowieso auch viel zu stolz, jemals zuzugeben, dass wir einen Fehler gemacht ha­ben könnten. Sogar unsere Erinnerung wird selektiv. Sie lässt nur noch Eindrücke zu, die die Dunkelheit unterstützen, den Schmerz und die Verwirrung, und radiert alles aus, was aufrichtend, was konstruktiv sein oder irgendwie auf Glück oder gar auf die Wahrheit hindeuten könnte.

Mittlerweile sind unsere falschen Ansichten und Überzeugungen so stark und energisch geworden, dass sie ein Eigenleben zu führen scheinen. Wir könnten die Wahrheit jetzt nicht mehr erkennen, selbst wenn sie uns ins Gesicht starren oder an unsere Tür trommeln würde. Wir sind eingeschlossen in eine Endlosschleife der Selbstzerstörung. Systematisch weisen wir alles Positive oder wirklich Heilsame von uns und zerstören es, eben weil es das zerbrechliche Konstrukt unserer Unwissenheit, unser falsches Ich, untergraben könnte. Wie viele von uns gehen durchs Leben und kehren wieder und wieder genau den Dingen den Rücken, die die kostbarsten Gelegenheiten sein könnten, denen sie jemals begegnen? Sie leugnen alles Gute oder Hilfreiche und wählen immer das, was zerstörerisch und schmerzlich ist und ziehen so das Leiden an wie ein Magnet. Gefangen in diesem Kerker, den wir selbst geschaffen haben, ist alles, was wir noch tun können, uns zu beklagen, dass wir machtlos und hilflos sind, und die Schuld an allem den Umständen, unserem Leben oder anderen Menschen zu geben.

Warum kommt es zu solchen Zuständen? Eine sehr komplexe Frage. Es kann viele Gründe geben. Natürlich ist es möglich, dass eine halb verschüttete Erinnerung irgendeines schmerzhaften Kindheitserlebnisses in unserem Geist wieder zum Vorschein kommt und dass diese Erinnerung sich für uns mit der Wirklichkeit vermischt. Es kann aber auch sein, dass wir ohne ersichtlichen Grund ganz plötzlich mit einer scheinbar völlig unverständlichen psychologischen Krise konfrontiert sind. Es kann auch passieren, dass wir – vielleicht im Lehrer oder in den Lehren – mehr von der Wahrheit über uns selbst unmittelbar vor uns gespiegelt sehen, als wir ertragen können, und es ist einfach zu schwierig, zu erschreckend und zu schmerzhaft für uns, das als unsere Wirklichkeit zu sehen und zu akzeptieren. Deswegen leugnen wir es und weisen es zurück, in einem absurden und verzweifelten Versuch, uns vor uns selbst zu schützen, vor der Wahrheit dessen, wie wir wirklich sind. Wenn diese Dinge zu machtvoll werden, es sich als zu schwierig für uns erweist, sie anzunehmen, wird unsere Arroganz, unser falscher Stolz alles strikt zurückweisen. Wir projizieren es also nach außen, in die Welt, auf die Menschen um uns herum. Üblicherweise gerade auf die Menschen, die uns helfen wollen und die uns am meisten lieben – unsere Lehrer, unsere Eltern, unsere engsten Freunde –, oder auf die Lehren.

Wie können wir nun diesem rigiden Abwehrmechanismus beikommen? Die allerbeste Lösung wäre, wenn wir selbst erkennen würden, dass wir in unserem Leben von unseren eigenen Verblendungen getäuscht wurden. Ich habe selbst gesehen, wie für viele Menschen nur ein kleiner Schimmer der Wahrheit, ein kurzer Einblick in die wahre Sicht, die ganze phantastische Konstruktion falscher Sichtweisen, die von ihrer Unwissenheit errichtet worden war, in nur einem Augenblick zum Einsturz bringen konnte.

Dennoch ist es unglaublich schwierig! Je mehr wir uns hinter unseren falschen Sichtweisen verschanzen, desto weniger Möglichkeit gibt es für Veränderung. Oft sind wir in unserem Geist, in unserer kleinen, individuellen Welt des emotionalen und psychologischen Leidens viel zu festgefahren. Wir wenden uns dann vielleicht verzweifelt der Spiritualität oder der Therapie zu. Aber statt darin Befreiung und Klärung zu finden, werden alle positiven Inhalte von uns neutralisiert, von der Unwissenheit vereinnahmt, und es endet damit, dass gerade diese Dinge zu Waffen werden, die wir gegen uns selbst richten. Immer noch nennen wir sie hilfreich, aber jetzt „helfen“ sie uns nur noch, unsere verblendeten Verhaltensmuster wieder zu reproduzieren und aufrechtzuerhalten. Wirkliche Hilfe können sie nun nicht mehr sein, weil wir nicht bereit sind, unsere Fehler einzusehen und zuzugeben, dass wir falsch liegen.

Wenn wir den Lehren folgen und aufrichtig üben, müssen wir uns unvermeidlich bestimmten – sehr deutlichen – Wahrheiten über uns selbst stellen. Wir werden die Punkte sehen, an denen wir immer hängen bleiben. Wir werden die habituellen Muster und Strategien erkennen, die Erbe unseres negativen Karmas sind und die wir andauernd wiederholen und verstärken. Wir werden sehr speziellen Dingen im Zusammenhang mit uns selbst begegnen – müden alten Erklärungen von uns selbst und unserer Welt, die wir, obwohl es Missverständnisse sind, stur für authentisch halten und die so immer wieder unsere gesamte Sicht der Wirklichkeit zerstören. Wenn wir aber Ausdauer auf dem spirituellen Pfad entwickeln, dranbleiben, und uns selbst aufrichtig betrachten, dann beginnt uns mehr und mehr zu dämmern, dass diese Wahrnehmungen nichts anderes sind als ein Netz von Illusionen. Und einfach nur einzugestehen, dass wir verwirrt sind, selbst wenn es uns nicht einmal gelingen sollte, das voll und ganz zu akzeptieren, kann schon ein bisschen vom Licht des Verstehens bringen und einen neuen Prozess in uns auslösen – einen Prozess, der letztlich zu unserer Heilung führen wird.

Unser Geist kann so wunderbar vollkommen sein, aber derselbe Geist kann auch unser schlimmster Feind sein. Er macht uns so viele Schwierigkeiten. Manchmal wünschte ich mir, unser Geist wäre eine Art Gebiss, das man rausnehmen und nachts auf den Nachttisch legen könnte. Zumindest könnte man dann ab und zu Ruhe finden vor seinen ermüdenden und erschöpfenden Eskapaden. Wir sind so sehr der Gnade unseres eigenen Geistes ausgeliefert, dass wir uns auch dann noch voll tief verwurzelten Misstrauens zurückhalten, wenn wir auf Lehren stoßen, die in uns eine Saite anklingen lassen, die uns mehr berührt als alles, was wir jemals zuvor erfahren haben. Aber irgendwann auf dem Weg werden wir aufhören müssen zu misstrauen. Wir müssen Verdacht und Zweifel loswerden, die wir ja eigentlich nur erfunden haben, um uns zu schützen, was aber sowieso niemals funktioniert hat. Am Ende waren wir immer die Dummen, waren verletzt und sind noch tiefer in den Schlammassel hineingeraten. Das, wovor Verdacht und Zweifel uns eigentlich bewahren sollten, hat uns immer noch tiefer reingerissen.

Wenn wir uns in einem negativen Geisteszustand befinden, ist es nur natürlich, dass wir eher zweifeln als vertrauen. Von einem buddhistischen Gesichtspunkt aus ist Zweifel ein Ausdruck des Mangels an vollständigem Verstehen. Und er ist ebenso Ausdruck eines Mangels an spiritueller Bildung. Aber Zweifel wird auch als Katalysator im Reifeprozess des Vertrauens gesehen. Nur indem wir uns Zweifeln und Schwierigkeiten stellen, können wir erkennen, ob unser Vertrauen einfach, frömmelnd, oder konzeptuell ist, oder ob es sich um ein starkes, dauerhaftes und in einem tiefen Herzensverständnis gegründetes Vertrauen handelt. Wenn ihr Vertrauen habt, wird es sicherlich früher oder später auf die Probe gestellt. Und wo auch immer die Herausforderung herkommt, ob aus euch selbst oder von außen, sie ist einfach Teil des Prozesses von Glauben und Zweifel.


Stellt euch vor, ihr hättet euch euer ganzes Leben lang niemals gewaschen. Und dann, eines Tages, entschließt ihr euch zu duschen. Ihr stellt euch unter die Dusche und fangt an zu schrubben. Plötzlich seht ihr mit wachsendem Erschrecken den Schmutz, der aus jeder Pore zu kommen scheint und euren Körper herabfließt. Irgendetwas muss da schief laufen. Ihr solltet doch eigentlich sauber werden, aber alles, was jetzt sichtbar wird, ist Dreck. Ihr geratet in Panik und springt aus der Dusche, völlig überzeugt, dass ihr das besser niemals angefangen hättet. Am Ende seid ihr noch dreckiger als zuvor. Ihr wisst nicht einmal, dass ihr nur hättet geduldig bleiben und das Duschen beenden müssen. Es mag anfangs eine Weile wirklich so aussehen, als würde man immer dreckiger, aber wenn man einfach weiter wäscht, geht man sauber und gereinigt aus dieser Prozedur hervor. Es ist alles ein Prozess der Reinigung.

Wenn sich auf dem spirituellen Pfad kleine Hindernisse einstellen, dann verliert ein guter Praktizierender nicht das Vertrauen und beginnt zu zweifeln, weil er oder sie die Unterscheidungsfähigkeit besitzt, Schwierigkeiten als Schwierigkeiten zu erkennen. In welcher Gestalt sie ihm auch begegnen, er sieht sie als das, was sie sind: bloße Hindernisse, nicht mehr. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Hindernis aufhört ein Hindernis zu sein, wenn man es als solches erkennt. Wenn es einem jedoch nicht gelingen sollte, ein Hindernis als solches zu erkennen, wenn man es also „ernst” nimmt, dann gibt man ihm Macht, macht es solide, und es wird zu einer wirklichen Blockade.

Wann immer also Zweifel entstehen, seht sie einfach als Hindernis, seht in ihnen das Verständnis, das danach ruft, geklärt und entkrampft zu werden. Seid euch bewusst, dass ihr es nicht mit einem grundsätzlichen Problem zu tun habt, sondern dass dies einfach eine Stufe im Prozess der Reinigung und des Lernens ist. Lasst den Prozess weiterlaufen und zum Abschluss kommen, und verliert niemals euer grundlegendes Vertrauen und eure Entschlossenheit. Das ist der Weg, den alle großen Praktizierenden der Vergangenheit gegangen sind. Ihr Wahlspruch hieß: „Man kann keine bessere Rüstung finden als ein zähes Durchhaltevermögen.“

Die Lehren sagen uns deutlich, was zu erkennen ist, aber trotzdem müssen wir uns höchstpersönlich auf die Reise machen, damit es zu unserer ureigensten Erkenntnis wird. Diese Reise mag uns durch Leiden tragen, und wir mögen Schwierigkeiten und allen Arten von Zweifel und Misstrauen begegnen. Alle diese Widrigkeiten aber werden zu unserem größten Lehrmeister. Denn nur durch schwierige Umstände werden wir demütig und lernen unsere Grenzen anzuerkennen. Durch Überwindung der Hindernisse schließlich erwerben wir die innere Kraft und Furchtlosigkeit, die wir brauchen, um aus unseren Gewohnheiten und unseren festgefahrenen Mustern auszubrechen, und uns der größeren, umfassenderen Vision wirklicher Freiheit zu ergeben, wie sie uns die spirituellen Lehren vermitteln.

Wieder und wieder werden wir auf diese Weise das subtile Vorgehen der Belehrungen und der Praxis wertschätzen. Selbst wenn keine außergewöhnliche, dramatische Veränderung in uns stattzufinden scheint, müssen wir mit Ruhe und Ausdauer nur geduldig bei der Sache bleiben. Das Wichtigste ist, geschickt und sanft mit uns selber umgehen zu lernen, ohne den Mut zu verlieren oder gar aufzugeben, indem wir dem spirituellen Pfad vertrauen in dem Wissen, dass er seine eigenen Gesetzmäßigkeiten und seine eigene Dynamik hat.

Zuallererst müssen wir jedoch einen Weg finden, unser wahres Selbst zu nähren, das, was wir als Buddhisten unsere Buddha-Natur nennen. Wir machen so oft den tödlichen Fehler, uns mit unserer Verwirrung zu identifizieren, und dann verurteilen und verdammen wir uns und füttern so den Mangel an Eigenliebe und Selbstwertgefühl, unter dem so viele Menschen besonders heutzutage leiden. Es ist lebenswichtig, dass wir der Versuchung, uns selbst zu verurteilen, nicht nachgeben, sondern im­mer humorvoll unserer eigenen Bedingtheit gewahr bleiben und erken­nen, was wir – jetzt, in diesem Augenblick – in Wahrheit sind. Es ist so, als würden viele viele Menschen in einer einzigen Person zusammen­leben. Es kann sehr ermutigend sein anzuerkennen, dass wir einerseits, von einer Perspektive aus betrachtet, zwar alle riesige Probleme haben, die wir in den spirituellen Pfad mitbringen, und die uns vielleicht sogar anfangs dazu geführt haben, den Lehren überhaupt zu begegnen, gleich­zeitig aber auch zu wissen, dass diese Probleme andererseits letztlich gar nicht so real, so solide, und so unüberwindlich sind, wie wir uns immer eingeredet haben.

Damit wir auf dem spirituellen Pfad weiter fortschreiten können, müssen wir uns vielen Herausforderungen stellen, und es gibt sehr viel zu lernen. Wir müssen lernen, wie wir mit Hindernissen und Schwierigkeiten umgehen können, wir müssen lernen, unsere Zweifel aufzulösen, und wir müssen falsche Sichtweisen als solche entlarven. Wir müssen lernen, uns selbst zu inspirieren, auch dann, wenn wir uns überhaupt nicht danach fühlen. Wir müssen uns selbst verstehen und unsere Launen erkennen lernen. Wir müssen lernen, wie wir wirklich mit den Lehren arbeiten, sie in unser Leben integrieren und mit der Praxis verbinden können. Wir müssen lernen, Mitgefühl zu erwecken und im Alltag umzusetzen. Und wir müssen lernen, wie wir unser Leiden und unsere Emotionen transformieren können. Es sind diese Fragen, die manchmal so schwierig zu lösen sind, um die es aber letztlich geht.

Auf dem spirituellen Pfad brauchen wir alle Unterstützung und eine gute Grundlage. Diese notwendige Basis erhalten wir, wenn wir die Lehren gründlich kennen. Man kann es nicht deutlich genug sagen: Je mehr wir studieren und praktizieren, desto mehr werden wir Unterscheidungs­fähigkeit, Klarheit und Einsicht in uns verkörpern. Und wenn dann die Wahrheit bei uns anklopft, werden wir sie mit Gewissheit als das er­kennen, was sie ist, und freudig die Tür öffnen. Dann nämlich haben wir bereits eine Ahnung, dass das, was da Eintritt verlangt, die Wahrheit über uns selbst ist, die Wahrheit über das, was wir wirklich sind.

Quelle: „View Magazine 1“, 1994, Rigpa Rundbrief 3/1994.

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