Missverständnisse

Wenn wir einem spirituellen Weg folgen, ist besonders wichtig, den Geist und seine Verblendungen zu durchschauen und klar zu verstehen, wie Missverständnisse unser Leben bestimmen.

Ich erinnere mich da an eine Geschichte, die ich als Kind in Tibet zum ersten Mal hörte. Sie gehört zu den „Jataka-Geschichten“, den Berichten über die früheren Leben des Buddha, und erzählt von einer Zeit, zu der er als Löwe am Rande eines tiefen Waldes lebte. Eines Morgens im Herbst entstand ein gewaltiger Aufruhr, da alle Tiere auf einmal wie wild durcheinander rannten. Der Löwe sah, wie sie zu Hunderten und Tausenden um ihr Leben rannten, ohne auch nur einen Blick zurück zu wagen. Er wusste, wenn man sie nicht aufhielte, würden sie bis zum Meer rasen und dort ertrinken. So sprang er schnell auf einen Hügel, von dem aus er ihren Weg überblickte und brüllte dreimal. Alle Tiere hielten sofort an, dicht zusammengedrängt zu einer zitternden Masse. Der Löwe stieg von dem Hügel herunter und fragte, warum sie so schnell wegliefen.
„Das Ende der Welt kommt!“, schrien sie.

„Wer sagt denn das?“, fragte der Löwe.

„Die Elefanten“, riefen sie.


„Nein, das stimmt nicht“, sagten die Elefanten beleidigt. „Es waren die Löwen.“

„Nein“, sagten die Löwen, „es waren die Tiger, die es uns gesagt haben.“ Die Tiger sagten, es seien die Nashörner gewesen, die Nashörner sagten, es waren die Büffel, die Büffel sagten, es waren die Antilopen, die Antilopen sagten, es waren die Gazellen, und die Gazellen sagten, es waren die Kaninchen. Die Kaninchen sagten: „Es war das kleine Kaninchen hier, das es uns erzählt hat!“

So ging der Löwe also zu ihm und fragte: „Woher weißt du, dass das Ende der Welt gekommen ist?“

„Ich habe es gehört, Herr: ein schreckliches, krachendes Geräusch, und aus dem Augenwinkel habe ich auch etwas gesehen.“

„Wo denn?“ fragte der Löwe. „Erzähl mir ganz genau, was passiert ist.“

„Ich saß unter einer Palme und dachte darüber nach, was aus mir werden wird, wenn das Ende der Welt kommt. Und plötzlich hörte ich dies krachende Geräusch … als ob die ganze Erde plötzlich auseinander bricht.“

„Lass uns doch mal dort hingehen und es uns ansehen!“, sagte der Löwe, und das Kaninchen sprang auf seinen Rücken und zeigte ihm den Weg. Als sie in die Nähe des Baums gekommen waren, sprang das Karnickel herunter, denn es war doch zu furchtsam, dem Riss in der Erde zu nahe zu kommen. Der Löwe aber näherte sich dem Baum und fand auch den Platz, wo das Kaninchen gesessen hatte. Und er sah die Frucht, die herabgefallen war und im Fallen wohl das Herbstlaub gestreift hatte, wodurch dieses krachende Geräusch verursacht worden war. Er rief also das Kaninchen, zeigte ihm, was passiert war, und erzählte dann den Tieren, dass all ihre grässliche Furcht ohne jeden Grund gewesen war und dies nicht das Ende der Welt bedeutete.

So machen wir oft ein riesiges Ding aus einer ganz einfachen Sache und blasen es über alle Maßen auf. Wie viele unserer Schwierigkeiten fangen mit einem kleinen Missverständnis an! Jemand hat uns vielleicht heute nicht wie üblich angelächelt, unser Lehrer hat uns einen ernsten Blick zugeworfen oder unser bester Freund hat uns kritisiert; die Tasse Kaffee war heute morgen nicht so gut, unsere Stimmung ein bisschen gedrückt … So wenig reicht schon, um unseren ganzen Tag zu ruinieren! Wir fühlen uns so zerbrechlich, so unsicher, so angreifbar und verletzlich, dass jede noch so locker dahingeworfene Bemerkung, eine vorschnelle Reaktion oder ein unpassender Witz unser Vertrauen vollständig durchlöchern kann, und wenn wir dann das Missverständnis nicht auf der Stelle aufdecken, kann das zum Samen werden, der sich entwickelt und immer größer wird. Kleine Probleme dehnen sich aus und wachsen zu enormen Ängsten und emotionalen Erdbeben an, und ganz gleich, wie geringfügig unser Leiden sein mag, wir glauben – wie das kleine Kaninchen –, dies sei das Ende der Welt.

Natürlich sind wir nicht immer imstande herauszufinden, was schief gegangen ist – vielleicht hatten wir einfach nur ein wenig schlechte Laune. Aber irgendwie wollen wir immer bis zum Äußersten gehen: Wir suhlen uns in Selbstmitleid oder Depressionen und können vor allem nicht mehr loslassen. Wir versuchen geradezu besessen, alles bis auf die Spitze zu treiben, als ob wir an irgendjemand oder irgendetwas Rache nehmen wollten, aber immer wieder landen wir damit bei uns selbst, und rutschen so unabänderlich in eine Krise. Zur gleichen Zeit erscheint unsere Verblendung oder Depression wie eine makabre Skulptur, die wir gerade formen, wie ein Gebäude, das wir fieberhaft konstruieren, vergrößern und ausbauen und schließlich mit der Entdeckung irgendeines unserer tief sitzenden alten Probleme krönen, so dass alles zusammenfügt zu einem Modellhäuschen, ausgestattet mit den besten Argumenten, warum wir deprimiert sein müssen. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass unser Problem gar nicht so ernst oder fatal ist, entgeht uns dabei die ganze Zeit, dass sich alles aus nichts zusammengesetzt hat! Es existiert gar nicht wirklich!

Im Sommer des Jahres 1900 begann der tibetische Mystiker Tertön Sogyal, einen ganzen Zyklus von Lehren und Meditationspraktiken zu enthüllen, die vor über tausend Jahren von dem außergewöhnlichen Meister Padmasambhava verborgen worden waren. Ein Kernstück seiner Enthüllungen ist eine bemerkenswerte Anleitung zur Umwandlung von Fehlern im System der gegenseitigen Abhängigkeit, das unser gesamtes Leben regiert. Ich war voller Bewunderung, als ich die einleitenden Zeilen zum ersten Mal las:

„Die Wurzel aller Fehler, aller Fehltritte ist nichts als Unwissenheit. Diese Unwissenheit ist vergleichbar mit dem Glauben, in einem Haufen von Steinen am Horizont eine menschliche Gestalt zu erkennen; das entbehrt aber jeglicher Basis – was bedeutet, dass selbst die Quelle aller Fehler und Fehltritte nicht existiert.“

Mit anderen Worten: Unsere Probleme entstehen aus nichts, sie basieren auf Missverständnissen, und nicht einmal die existieren. Je mehr ich über Padmasambhavas Worte nachdenke, desto klarer wird mir, wie wahr das ist. Mit all unseren Vorstellungen, all unseren Missverständnissen belastet, wann können wir uns da jemals mehr als nur eine bruchstückhafte und verdrehte Version von dem machen, wie die Dinge wirklich sind? Unsere gesamte Vision der Realität ist tatsächlich ein Haufen reiner Fabrikation und Übertreibungen, ein phantastisches Gebäude der Verblendung. Haben wir einmal etwas falsch verstanden, schaffen wir daraus wieder etwas Neues, was auf diesem Missverständnis beruht, so dass es nur Lüge oder Illusion sein kann. Wir schlucken diese Lüge wiederum und fallen der Illusion noch mehr zum Opfer, wir halten sie für Wahrheit, wie ein Dummkopf, der sein Leben damit verbringt, nach dem Goldschatz am Ende des Regenbogens zu suchen.

Das ist tragisch! Ein Missverständnis zieht endlose Komplikationen nach sich: Hoffnung und Furcht, Verzweiflung, und sogar Selbstmord. Wir schaffen uns selbst das Leiden und wir schaffen uns selbst absolut unnötige Probleme. Alles, was wir zu tun haben, ist, es zu erkennen. Wenn du schließlich die Wahrheit siehst, wenn du siehst, wie unnötig das alles ist, dann möchte dein Herz geradezu überfließen vor Mitgefühl für jeden, der auf solche Art leidet. Gleichzeitig jedoch beginnst du auch die Absurdität darin zu erkennen; das ist so lächerlich, als versuchtest du – wie ein tibetisches Sprichwort sagt –, eine Schnur an einem Ei festzubinden.

Warum in aller Welt gehen wir durch all das – für nichts und wieder nichts? Es ist so schwierig für uns, die Wahrheit als das zu sehen, was sie wirklich ist, denn wir beziehen immer alles nur auf uns. Wir können kaum eine andere Perspektive einnehmen oder die Übertreibungen unseres Geistes sehen. Das ist symptomatisch für Samsara, den unkontrollierten Kreislauf von Leben und Tod, dem wir uns verschreiben. Wenn wir sie nur untersuchen würden, könnten wir alle diese Erscheinungen, alle diese Wahrnehmungen, die uns so wirklich vorkommen, als vollkommen nichtexistent entlarven. Wir brauchen nur einen klaren Schimmer der innersten Natur des Geistes, um zu sehen, was diese falsche Wirklichkeit tatsächlich ist: nichts als Sabotage und Aushöhlung unserer wahren Natur, und um zu sehen, dass all unsere Hoffnungen, Erwartungen und Ängste nichts als die Agenten von Samsara sind, die eingesetzt werden, uns auszuzehren und zu schwächen.

Selbst wenn wir den spirituellen Lehren zuhören und immer wieder die Wahrheit hören – dass alles wie eine Illusion ist und verblendete Erscheinungen des Geistes –, bedient sich die Unwissenheit doch solch ausgefeilter und überzeugender Verkleidungen, dass wir wieder hereinfallen und sie nicht durchschauen. Das macht uns wahrhaft unwissend. Mir wird immer klarer, wie wichtig es ist, wenn wir einem spirituellen Weg folgen, den Geist und seine Verblendung zu durchschauen und das wahre Ausmaß der Missverständnisse zu erkennen, die unser Leben bestimmen. Für einen spirituellen Praktizierenden ist ganz entscheidend, immer am Ball zu bleiben.

Dieses „am Ball bleiben“ hat viele Bedeutungen. Eine davon ist, die Wurzel unserer Probleme zu erkennen. Wir wissen doch, dass Heilung oft schon beginnt, wenn die grundlegenden Blockaden erkannt werden. Aber die Quelle unserer Schwierigkeiten und Verwirrung zu erkennen ist scheinbar sehr schwierig und dauert sehr lange. Sie werden von allen Seiten gut unterstützt, und selbst wenn wir gelegentlich eine kleine Erkenntnis der Wirklichkeit unserer Situation haben, sieht es fast so aus, als ob sich alles um uns herum gegen uns verschwört und uns davon abhält, wirklich zu sehen. Damit unser Geist wirklich klar wird, brauchen wir vielleicht bestimmte Umstände oder eine spezielle Umgebung oder einfach Zeit. Es kann auch sein, dass die Wurzel unserer Probleme durch unser Karma so verborgen liegt, dass wir einfach nicht erkennen, was uns wirklich blockiert und sogar der Lehrer oder Freund es uns nicht klar zeigen kann, so dass wir die Wirklichkeit einfach nicht erkennen können, bis dieses Karma gereinigt ist. Vielleicht ist es auch unser dickköpfiger Stolz, der sich einfach weigert, der lieber das Missverständnis als Wahrheit annimmt und in hingebungsvoller Anhaftung daran festhält, weil wir einfach nicht ertragen können, insgeheim zu ahnen, dass wir im Unrecht sind. Da kommen so viele Faktoren ins Spiel, und ob wir ganz klar in uns hineinschauen können oder nicht, hängt ab vom komplexen Zusammenspiel der gegenseitigen Abhängigkeit.

Alles entsteht durch gegenseitige Abhängigkeit. Wenn alle Umstände an ihren rechten Platz rücken, nennen wir das verheißungsvoll – alles passt zusammen und entfaltet sich ganz harmonisch. Wenn aber irgendetwas nicht so richtig reinpasst, entsteht eine Lücke, ein Vakuum öffnet sich, und in dieser Unklarheit tauchen Missverständnisse auf. Haben sich einmal genügend ungünstige, zusammengewürfelte Zutaten gesammelt, entsteht eine irgendwie perfekte Umgebung, die uns dann beweist, dass unser Missverständnis die Wahrheit ist. Das wiederum erlaubt es anderen, mit allen möglichen Beweggründen, es auszunutzen, und wir beginnen, die ganze Situation noch flüchtiger zu machen – irgendetwas in uns genießt das ganze Theater wohl auch.

Hier braut sich etwas zusammen, denn wenn wir nicht klar sind, überhäufen wir uns mit Unklarheit, packen all unseren Schmerz und unser Leiden, all unsere Unsicherheit, unsere Furcht, unsere Gefühle und Besessenheiten in diesen einen ungeklärten Bereich. Wenn wir dann das eigentliche Problem nicht ernsthaft anschauen können oder wollen, wird es übertragen und herumgeschoben und an dem einen oder anderen Aspekt unseres Geistes oder unseres Lebens festgemacht. Wenn ein Aspekt dann geklärt ist, wird das Problem weiter verschoben und wieder verschoben und entwickelt sich so zu einem immer wiederkehrenden Unheil.

Haben wir jedoch einmal die Offenheit und den Willen, die Wurzel unserer größten persönlichen Schwierigkeit zu identifizieren und klar als das zu erkennen, was sie ist, dann stellen wir ganz überrascht fest, dass es gar kein so gigantisches Problem ist. Alles, was es vielleicht braucht, ist eine subtile Veränderung. Um zum Beispiel die Natur des Geistes für einen kurzen Moment zu schauen, bedarf es lediglich eines geringen Umschwenkens, eines anderen Schauens: nämlich in unseren Geist.

In den buddhistischen Schriften gibt es ein sehr beliebtes Beispiel: Stell dir vor, du gehst abends in der Dämmerung spazieren. Plötzlich siehst du auf dem Weg vor dir so etwas wie eine Schlange. Du bist ganz überwältigt von Angst, du bekommst einen Schweißausbruch, dein Herz rast und dein Geist arbeitet heftig, um herauszufinden, wie er der Schlange und somit dem Tode entkommen kann. Dann hast du die Eingebung, deine Taschenlampe anzuknipsen, und mit verwunderter Erleichterung siehst du, dass deine Schlange nichts als ein Stück gesprenkelte Schnur ist. Du seufzt und kicherst nervös. Wo war denn nun die Schlange? Sie war eine vollständige Illusion, die nur in deinem Geist existierte, und in seiner Gewohnheit, sich zu fürchten, hat dieser winzige Augenblick das Missverständnis bewirkt, das augenblicklich in ein harmloses Stück Schnur projiziert wurde.

Haben wir nicht alle schon zu irgendeinem Zeitpunkt Augenblicke plötzlicher Erkenntnis gehabt, in denen sich all unsere vorgefassten Meinungen auf einmal verschoben und eine vollkommen andere, manchmal überraschende und viel authentischere Perspektive der Realität preisgaben? Wir sollten solche Momente nicht unterschätzen, in ihnen können wir für einen Augenblick Samsara erkennen, den Teufelskreis, in dem wir unser Leben verschwenden, der sich entpuppt als kolossale Anhäufung von nichts anderem als Unwissenheit, die letztlich gar nicht existiert, und dies ist zusammengesetzt zu einem qualvollen Labyrinth der Verblendung. Plötzlich erkennen wir auf tiefgründige und befreiende Art, wie unser Geist funktioniert und wie sich Missverständnisse manifestieren. Der Trick besteht darin, diese Erkenntnis aufrechtzuerhalten, so dass beim nächsten Mal eine ähnliche Situation zumindest weniger intensiv sein wird. Und in einem können wir ganz sicher sein: Wenn wir die Erinnerung dieser Erkenntnis nicht lebendig erhalten können, wird der Geist sie in kürzester Zeit wieder verdrängen.

Am Ball bleiben heißt auch zu erkennen, sich an diese speziellen Momente zu erinnern, wenn eine große Einsicht für kurze Zeit erblühte: diese Momente von Klarheit und Erwachen, wenn sich irgendetwas überraschend klärte; der Augenblick der Befreiung, wenn die Worte eines spirituellen Lehrers zu einem „Schwenk“ führen, zu einem noch tieferen Verständnis und das Geheimnis enthüllen, wie die spirituelle Sicht der Dinge mit dem Leben in Einklang zu bringen ist.

In den Dzogchen-Lehren sprechen wir davon, im Zustand der Meditation alles aufzulösen in die ursprüngliche Reinheit der natürlichen Einfachheit. Dir werden Momente auffallen, in denen alles transparent wird und du wirklich sehen kannst, dass diese natürliche Einfachheit nichts ist als „wie die Dinge wirklich sind“. Wie lächerlich scheint es, all unser Glück aufs Spiel zu setzen und unser Vertrauen an gelegentlichen trivialen Erlebnissen festzumachen. Selbst wenn diese Unsicherheit, die aus einem falschen Wort oder einem scharfen Blick resultiert, nicht unser wahres „Selbst“ berühren kann, nehmen wir es zu persönlich, so dass unser Urteil verzerrt und unser Selbstvertrauen geschwächt wird. In Augenblicken der Klarheit können wir sehen, dass das Allerwichtigste für uns ist, zu uns zurückzukommen, zu erkennen, was unsere wahre Natur ist, darin Vertrauen zu entwickeln und dieses Vertrauen so zu stabilisieren, bis es unerschütterlich wird.

Richte deinen Geist zurück zu solchen Momenten und stell sie dir noch einmal vor: Vielleicht hast du es aufgeschrieben oder es ist dir noch in Erinnerung. Denke an die Höhepunkte, die ganz besonderen Erlebnisse, und sammle diese Augenblicke, es ist ganz entscheidend, dass du sie nie vergisst oder verrotten lässt. Warum? Wie klar solche Erlebnisse auch immer gewesen sein mögen, als sie stattfanden – wenn sich die Umgebung ändert, werden sie verblassen. Die alltägliche Realität unseres gewöhnlichen Daseins ist einfach zu stark; Samsara hat seine eigene Umgebung, seine eigene Unterstützung, seine Gesellschaft, seine Beschützer und seine Einflüsse, und die sind so machtvoll und gut eingerichtet, dass die daraus resultierende Negativität mit solch verführerischen und überzeugenden Argumenten aufwartet, dass es schwierig wird, die Inspiration auf dem spirituellen Weg zu erhalten – es sei denn, du strengst dich wirklich sehr an.

Einer meiner Schüler sagte diesen Sommer zu mir, am Ball zu bleiben bedeute für ihn, nicht in alten Gewohnheiten stecken zu bleiben. Aber wie können wir dieses Steckenbleiben vermeiden? Indem wir den Weg nehmen, der uns herausführt, den Weg, der existiert, der uns aufgezeigt wird für unsere spirituelle Reise. Ich sagte ihm, er solle die erste Lehre des Buddha über die vier edlen Wahrheiten nicht vergessen, in der er uns sagt, dass es ein Ende des Leidens gibt und einen Weg, der zum Ende des Leidens führt. Und der Buddha hat uns wirklich gezeigt, wie der Weg nach draußen führt, und wenn es irgendetwas gibt, was wir erkennen müssen, dann das. Vermeide auf jeden Fall, in alten Gewohnheiten stecken zu bleiben, geh einen Schritt darüber hinaus und folge dem Weg, um aus ihnen auszubrechen.

Freunde und Schüler erzählen mir immer wieder, wie sie geplagt werden von den sich wiederholenden Mustern: wie sie immer wieder von ihren Partnern verlassen werden, es immer wieder ein Problem am Arbeitsplatz gibt oder sie immer wieder Schwierigkeiten mit anderen Menschen haben. Wenn dir so etwas immer wieder passiert, solltest du dir vielleicht mal anschauen, woher das kommt. Mach aber keine große Geschichte daraus und begeh auch nicht den Fehler, so wie immer in den gewohnten Mustern hängen zu bleiben. Wenn du denkst: „Immer mach ich das so …, immer wiederhole ich das alte Muster. So bin ich eben …, so werde ich wohl immer bleiben …, ich bin verdammt …“, stärkst du dabei genau das, wovon wir uns befreien wollen, und verleihst dem eine falsche Realität. Wir werden uns niemals ändern können, wenn wir ohne Ende dieselbe alte verkratzte Schallplatte abspielen. Frage stattdessen einfach mal „Warum?“

Was immer der Grund sein mag – vielleicht ist er sogar ganz unerwartet einfach –, du musst ihn klar erkennen. Dann kannst du etwas tun. Wenn du dein Problem immer weiter unterstützt, wird es dadurch unendlich aufgeblasen und das Ganze verwandelt sich zu einem Wust von Komplikationen. Dann bist du voll auf die einzigen Erklärungen angewiesen, die du vielleicht gerade noch kennst, Theorien aller Arten, wem du die Schuld zuschreiben könntest: deiner Kindheit, deinem Vater, deiner Mutter, deinem Bruder, deiner Schwester, Buddha, Jesus oder Gott. Das ist viel zu kompliziert.

Halte nicht an den Mustern fest, und quäl dich nicht selbst mit deiner Unzulänglichkeit: das ist wohl auch nur ein anderes Muster. Was immer du tust – identifiziere dich nicht mit deinem Schmerz, deinem Leiden, deinen wunden Stellen, sonst wirst du niemals frei davon werden. Identifiziere dich nicht mit den Fehlern, die du gemacht hast, und glaub nicht, dass du, bloß weil du mal einen Fehler gemacht hast, ganz grundsätzlich schlecht bist und immer so bleiben wirst und dich nicht weiterentwickeln kannst. Viel wichtiger ist es, deine guten Aspekte zu unterstützen, zu erkennen und dich zu erinnern, was in diesen wunderbaren Augenblicken passiert, wenn du Vertrauen hast in deine Natur, wenn du dich so gut fühlst, dass da gar kein Ich zu sein scheint und alles Gefühl eines Selbst sich vollständig auflöst, dein wahres Ich sich enthüllt und nur noch Mitgefühl, Großzügigkeit und Furchtlosigkeit bleiben.

Unser eigentlicher Herzenswunsch ist es doch, Fortschritte zu machen, uns zu verändern und erleuchtet zu werden. Wir brauchen dabei aber nicht auf die perfekte Situation zu warten, dass alles stimmt, bevor wir loslassen und uns verändern können. Wir können gleich anfangen – jetzt sofort. Eins muss uns klar sein: Wir haben keine Wahl als uns zu ändern, und diese Ausweglosigkeit ist eigentlich der Segen, denn hierin wird uns ständig die Möglichkeit gegeben zu erblühen, uns von unserem scheinheiligen „Selbst“ zu befreien und wirklich „wir selbst“ zu werden.

Manchmal sind wir so frustriert über unsere Resignation und Unfähigkeit zur Veränderung, dass wir wirklich alles bei uns ändern wollen, sogar unsere äußere Erscheinung. Verurteile dich nicht, sei nicht zu ehrgeizig und versuche nicht, alles auf einmal zu verändern, stattdessen solltest du etwas ganz Fundamentales ändern. Auch Wandel muss mit dir wachsen, dann ist er viel stabiler. Ein zu plötzlicher Wandel ist wie ein Versprechen, das du nicht halten kannst. Arbeite langsam daran und vertraue darauf, dass es sich schon zeigen wird, denn im Leben entdecken wir oft: Wenn man wirklich loslassen kann, passiert all das, worum wir bitten, aber wenn man zu viel will, geht es nicht. Aber loslassen heißt nicht aufgeben, das sind zwei verschiedene Dinge. Gib niemals auf. Aber lass um jeden Preis los.

Hier kann die Praxis der Meditation so kraftvoll sein – sie kann in uns die Verwirklichung inspirieren, dass wir tatsächlich loslassen können, und wenn wir loslassen, dann sind wir frei. Wenn wir wirklich eine bestimmte Blockade loslassen, irgendein Muster oder eine Besessenheit, dann ist das ein echtes Ergebnis von Praxis. Das ist ein Zeichen dafür, dass unsere Praxis Auswirkungen hat.

Denn alles wird viel einfacher für uns, wenn wir einfacher mit uns selbst umgehen. Wir werden Vertrauen in uns selbst entdecken: ein authentisches, natürliches, unzerstörbares Vertrauen, das uns wiederum furchtlos macht. Was wir auch unternehmen, wir wissen, dass wir es schaffen können. Weil wir keinen Ausweg sehen, werden wir durch unsere Angst, unsere Unsicherheit und die Zweifel, ob wir uns überhaupt verändern können oder gar wollen, veranlasst, unser Vertrauen in eine falsche Zuflucht zu setzen und in alte, tief eingegrabene Gewohnheitsfurchen unseres Leidens zurückzusinken.

Natürlich wäre es sehr einfach, sich zurückzulehnen und uns dafür zu gratulieren, wie wir uns verändert haben – das würde den subtilen Mustern wieder Raum geben und sie würden eine neue Form finden. Die Betrügereien unseres Geistes sind unendlich und so auch die falsche Sicht, die unser Ich bildet. Wir mögen Muster auflösen, aber wie verhindern wir, dass sie erneut wieder auftauchen? – Indem wir praktizieren und kontinuierlich in der Sicht verweilen. Der entscheidende Punkt in der Praxis besteht darin, uns einen Rahmen zu geben, der für uns funktioniert und der eine lebendige Atmosphäre der Inspiration immer neu entstehen lässt – die Sicht der Natur des Geistes.

Wir hören oft von der Sicht und über Vertrauen in uns selbst, aber was bedeutet das wirklich? Was ist das Zeichen, ob wir wirklich die Sicht der spirituellen Lehren in unsere tägliche Existenz übertragen haben? Es passiert dann, wenn wir die Erfahrungen, die tiefen Erlebnisse unseres Lebens annehmen können, uns durch sie nicht nur Weisheit und Unterscheidungskraft lehren lassen, sondern mit uns selbst und anderen auch geschickter umgehen lernen.

Das ist auch ein Zeichen dafür, ob wir wirklich am Ball bleiben. Meine Schüler haben mir erzählt, wie sie durch die härtesten Zeiten ihres Lebens gegangen sind, zum Beispiel einen geliebten Menschen verloren haben und keine Wahl hatten, als loszulassen. Sie erzählten mir, wenn sie im Licht ihrer Praxis und der Inspiration der Lehren losgelassen haben, wurde schließlich im Laufe der Jahre durch all die Tragödien, durch alles Loslassen ein tiefes Vertrauen in ihnen geboren. In der einzigartigen Methode des Dzogpachenpo sagen die Meister: Je schlimmer die Umstände, desto besser für dich. Damit meinen sie nicht, dass all die Katastrophen dir als Segen aufwarten, sondern dass du mit der Sicht alle Ablehnung gegenüber Unrecht und Schwierigkeiten loslassen kannst und alles, was dir widerfährt, in Segen umzuwandeln vermagst.

Es gibt da ein wundervolles Bild von Buddha, das ich nie vergessen werde. Er sitzt bei Anbruch der Nacht, in der er Erleuchtung erlangen wird, in unerschütterlicher Meditation. Mara, die Verkörperung der Verblendung, schickt ganze Armeen, um Buddha anzugreifen. Doch als deren Waffen sich dem Radius seiner Ausstrahlung nähern, verwandeln sich die Instrumente der Zerstörung in Gaben der Verehrung. Speere, Schwerter und brodelndes Öl werden zu einem Regen von sanften und duftenden Blüten.

Quelle: „View Magazine 2, 1995, Rigpa Rundbrief 1/1995.