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Die zweite Konferenz unter dem Motto ‚Buddhismus in Amerika’ fand im Mai 1998 in San Diego, Kalifornien statt und wurde von vielen buddhistischen Praktizierenden, Lehrern und Gelehrten besucht. Sogyal Rinpoche wurde gebeten, das Thema vorzustellen.
Einleitung Um über die Zukunft des Buddhismus zu sprechen, möchte ich heute lediglich einige Gedanken und Wünsche mit Ihnen teilen, die auf meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen basieren, die ich im Laufe meiner Lehrtätigkeit im Westen in den letzten fünfundzwanzig Jahren gemacht habe. Was ich sagen werde, wird sicherlich viel mit der buddhistischen Tradition Tibets zu tun haben, und doch hoffe ich, dass es auch für Praktizierende aus anderen Traditionen von Interesse und Bedeutung sein wird.
Zuerst einmal möchte ich klarstellen, dass ich nur ein Praktizierender bin, der sein Bestes gibt, um zu praktizieren, einfach ein Dharmaschüler, der mithilfe der Lehren und seiner Meister an sich selbst arbeitet und so versucht, ein besserer Mensch zu werden, und ich fühle mich sehr geehrt, die Eröffnungsansprache für diese Konferenz über Buddhismus in Amerika zu halten.
Jamyang Khyentse und Rime Wenn ich über das Buddha-Dharma und seine Zukunft nachdenke, kommt mir mein Meister Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö in den Sinn, der ein Meister aller Linien des tibetischen Buddhismus war und 1959 im Exil in Sikkim verstarb. Er war eine wirkliche Führungspersönlichkeit und wurde von vielen als einer der größten Meister des zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, die Verkörperung des tibetischen Buddhismus und lebendiger Beweis dafür, wie jemand, der die Lehren verwirklicht hat, sein kann. Er war ein Meister der Meister und Lehrer vieler der großen Lamas, die später im Westen lehren sollten, wie Dilgo Khyentse Rinpoche, Kalu Rinpoche und Dezhung Rinpoche, und doch behandelte er alle gleich, ob reich oder arm, von hohem oder niedrigem Stand.
Ich frage mich oft, ob die gesamte Zukunft des tibetischen Buddhismus nicht eine andere geworden wäre, wenn er länger gelebt und dessen Entwicklung im Exil und im Westen mit derselben Autorität und seinem unendlichen Respekt für alle Traditionen inspiriert hätte, für den er in Tibet so geliebt wurde.
Jamyang Khyentse hatte eine Vision. Er war tatsächlich der Erbe der nicht-sektiererischen ‚Rime’-Bewegung, die sich im 19. Jahrhundert in Ost-Tibet verbreitete. Sie war eine Art spiritueller Renaissance, die jegliche Form sektiererischer, parteiischer Voreingenommenheit ablehnte und jede Tradition dazu ermutigte, die authentischen Lehren und Praktiken ihrer eigenen Linie vollkommen zu meistern und gleichzeitig einen Geist von Offenheit, Harmonie und Kooperation mit anderen buddhistischen Schulen aufrecht zu erhalten. Es gab kein Verwässern oder Vermischen verschiedener Traditionen – die Reinheit einer jeden blieb erhalten – doch sie lebten in Koexistenz und inspirierten sich oft gegenseitig.
Ich finde, es gibt eine verblüffende Parallele zwischen dem außerordentlichen Reichtum der spirituellen Kultur Tibets zu Zeiten der großen Pioniere dieser Rime-Bewegung, wie Jamyang Khyentse Wangpo und Jamgön Kongtrul, und der großen Vielfalt von Linien, die wir heutzutage im Westen finden. In gewisser Hinsicht bietet der Rime-Gedanke ein Modell, wie das Dharma sich im Westen und in Amerika fortsetzen sollte, mit völligem Respekt für unsere unterschiedlichen authentischen Traditionen und doch mit einem Auge für die Kreativität und den Reichtum der verschiedenen Zweige des Buddhadharma, die sich in der amerikanischen Landschaft niedergelassen haben. Wir können uns alle gegenseitig inspirieren, helfen und miteinander in Verbindung stehen, doch ohne unsere Traditionen durcheinanderzubringen oder sie auf unangemessene Weise zu vermischen. Jamyang Khyentse sah auch voraus, dass das Dharma in den Westen kommen würde. In Tibet gab es seit der Zeit Padmasambhavas viele Prophezeiungen, dass dies geschehen würde, und Jamyang Khyentse sprach mehrmals darüber. Kurz vor seinem Tode sagte er dem tibetischen Meister Tulku Urgyen in Sikkim: „Von jetzt an wird sich das Dharma in den Westen ausbreiten.“ Schaut man sich das Ausmaß der Einwirkung an, den das Dharma bereits jetzt auf das öffentliche Leben im Westen hat, kann man nur staunen, wie viele Bereiche der amerikanischen Kultur inzwischen vom Buddhismus berührt, beeinflusst und uns sehr vertraut geworden sind:
- der Bereich der Sterbebegleitung und Hospizbetreuung, ein Gebiet, das mir selbst sehr am Herzen liegt
- ganzheitliche Medizin und Heilung für Körper und Seele
- die Welt der Psychologie und Therapie
- Kunst und Bildung – man denke nur an das Naropa Institut
- interreligiöser Dialog und ökumenischer Austausch
- die Naturwissenschaften
- die Friedensbewegung und ihre Bemühungen um Gewaltlosigkeit
- rechter Lebenserwerb und Ethik in der Geschäftswelt
- Ökologie und so weiter
- und, nicht zu vergessen, im Falle des tibetischen Buddhismus, Hollywood und die Filmindustrie!
Die verschiedensten buddhistischen Linien haben auf die eine oder andere Weise in Amerika Fuß gefasst, und viele wunderbare buddhistisch inspirierte Aktionen sind als Ausdruck und unter dem Banner des ‚engagierten Buddhismus’ entstanden. Ich denke dabei an Glassman Roshis Greyston Mandala, das Zen Hospice Project, die verschiedenen Initiativen in Gefängnissen, die Arbeit Thich Nhat Hanhs und die Buddhist Peace Fellowship (buddhistische Friedensgemeinschaft). Ich möchte ihnen allen meine Anerkennung aussprechen, und ich weiß, wie sehr Jamyang Khyentse – und alle Meister der Rime-Tradition, wären sie hier – ihnen dankbar wären und Beifall spenden würden. Zwei Weisen, das Dharma zu präsentieren In letzter Zeit hat Seine Heiligkeit der Dalai Lama darauf hingewiesen, dass man das Dharma heutzutage auf zwei Weisen präsentieren kann. Zum einen kann man die Lehren im Sinne des Buddhismus so offen und umfassend wie möglich weitergeben, ohne Anspruch auf Ausschließlichkeit oder das Anliegen, jemanden konvertieren zu wollen, um Menschen überall zu dienen, unabhängig von ihrem Hintergrund oder Glauben. Da das Herz des Buddhadharma, die essentielle Sicht, so praktisch, einfach und doch tiefgründig ist, kann es das Verständnis eines jeden bereichern und vertiefen, egal, welchem spirituellen Weg er oder sie folgt. Die zweite Möglichkeit ist, die Lehren für diejenigen zu präsentieren, die ein ernsthaftes Interesse daran haben, dem Dharma zu folgen, so dass sie einen vollständigen und gründlichen Pfad verfolgen können, welcher Tradition sie auch angehören. Was ist nun das Verhältnis zwischen diesen beiden? Das erste kann ohne das zweite nicht geschehen. Wir dürfen nie vergessen, dass die Einzigartigkeit und die große Stärke des Dharma darin liegt, dass es ein vollständiger spiritueller Pfad mit einer reinen, lebendigen Linie ist, ungebrochen bis zum heutigen Tag, und wenn wir das verlieren, verlieren wir alles. Ich betrachte diese Erklärung des Dalai Lama als einen Entwurf für uns alle im 21. Jahrhundert und als wesentlich für das Überleben des authentischen Buddhismus. Einige Gedanken Wie wird es dem Buddhismus in Zukunft gelingen, seinen Beitrag zur Verwandlung der Gesellschaft so vollständig wie möglich einzubringen? Und wie können wir dabei vermeiden, dass er von seiner Begegnung mit der heutigen Welt vereinnahmt und unwirksam gemacht wird, so dass er nur zu einem weiteren Werkzeug wird, das uns betäubt und in die westliche Gesellschaft einbindet und ‚integriert’, um einfach nur zu einem interessanten Abkömmling der Psychologie zu werden, einem Teil des New Age oder der Gesundheits-Welle? Viele der buddhistischen Meister, die ich kenne, machen sich dieselben Sorgen und stellen sich dieselben Fragen wie westliche Buddhisten, während wir gemeinsam diese Phase des Übergangs durchlaufen. Sie haben auch ihre ganz eigenen Bedenken und sehen einige Warnzeichen für die Zukunft. Wenn wir buddhistische Abbildungen auf Reklameflächen, in Hollywood-Filmen und als Ikonen der Schickeria sehen, ist es ein Beweis für die Popularität des Buddhismus, der einem erfreulich oder sogar äußerst positiv erscheinen kann, doch gleichzeitig kann es einen auch erschauern lassen. Denn wohin wird die Popularität des Buddhismus führen? Sind wir Zeugen einer Verwandlung des Buddhismus in ein Produkt, das schnell und leicht zu meistern ist, und die geduldige Disziplin und Hinwendung außer Betracht lässt, die auf dem buddhistischen Pfad – wie auf jedem anderen spirituellen Weg – nötig ist? Wie gefährlich ist es also, zu versuchen, den Buddhismus dem amerikanischen Geschmack und seinen Mode-Trends zu sehr anzupassen, so dass wir auf subtile Weise die Lehren des Buddha korrigieren oder umschreiben? Riskieren wir, den Buddhismus zu sehr zu ‚verkaufen’; drängen wir zu sehr; sind wir zu missionarisch? Kommerziell orientierte Habsucht ist dem Buddhismus fremd, da die Betonung immer darauf liegt, uns selbst zu untersuchen. Was wird das langfristige Resultat sein, wenn wir – getrieben von unserem zwanghaften Verlangen nach etwas ‚Neuem’ – versuchen, unser Halbwissen zu schnell in die Tat umzusetzen: uns zu früh hineinstürzen, nur um produktiv zu sein? Mein Gefühl und das vieler Meister, die ich kenne, ist, dass praktische Umsetzbarkeit nie Vorrang vor der Authentizität der Lehren haben sollte.
Quelle: Rigpa Journal, Januar 2000, Rigpa Rundbrief 2000.
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