Bedingungslose Liebe

Aus dem Tibetischen Buch vom Leben und vom Sterben von Sogyal Rinpoche (Seite 214-215)

Wir vergessen leicht, dass Sterbende im Begriff stehen, ihre gesamte Welt zu verlieren: ihre Lieben, ihren Besitz, ihr Haus, ihren Beruf, ihren Körper und ihren Geist - sie verlieren restlos alles. Alle einzelnen Verluste, die uns im Leben vielleicht treffen könnten, sind, wenn wir sterben, zu einem einzigen, überwältigenden Verlust zusammengefasst - wie kann es daher verwundern, wenn jemand, der ja unter dem Eindruck dieser Erfahrung steht, manchmal traurig, in Panik oder zornig ist?

Elisabeth Kübler-Ross spricht von fünf Stadien im Prozess des Ins-Reine-Kommens mit dem Sterben: Leugnen, Wut, Verhandeln-Wollen, Depression und Annehmen. Sicher durchläuft nicht jeder alle fünf Stadien, auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Für die einen mag der Weg zum Annehmen äußerst lang und dornig sein, andere kommen vielleicht überhaupt nicht dahin, ihren Tod zu akzeptieren

Wir leben in einer Kultur, die den Menschen so gut wie keinen spirituellen Bezug für ihre Gedanken, Emotionen und Erfahrungen bietet; und viele Menschen, die mit dem Tod ihrer letzten und größten Herausforderung begegnen, finden sich unvorbereitet und fühlen sich von ihrer eigenen Unwissenheit betrogen; dass darüberhinaus anscheinend niemand sie und ihre tiefsten Bedürfnisse zu verstehen und ernst zu nehmen scheint, lässt sie dann ganz besonders frustriert und zornig werden.

Cicely Saunders, die große Vorkämpferin der Hospiz-Bewegung in Großbritannien, schreibt: "Ich fragte einmal einen Mann, der wusste, dass er bald sterben würde, was er von denen, die ihn pflegten, am meisten erwarte. Er sagte: 'Dass jemand zumindest den Versuch macht, mich zu verstehen'. Es ist sicherlich unmöglich, einen anderen Menschen ganz und gar zu verstehen, aber ich habe nie vergessen, dass es ja nicht der Erfolg war, um den er gebeten hatte, sondern nur um genug Interesse, es wenigstens zu versuchen." 1

Es ist ganz wesentlich, dass wir zumindest so viel für den anderen übrig haben, dass wir diesen Versuch machen. Wir müssen dem Menschen versichern, dass alles, was er fühlt, normal und in Ordnung ist - wie stark seine Frustration oder sein Zorn auch immer sein mögen. Das Sterben bringt viele unterdrückte Emotionen ans Licht: Trauer, Gefühlskälte, Schuld oder gar Eifersucht auf diejenigen, denen es noch gut geht. Wenn solche Emotionen auftauchen, hilf dem Menschen, sie nicht zu unterdrücken. Steh ihm bei, wenn die Wogen von Schmerz und Trauer über ihm zusammenschlagen. Mit der Bereitschaft, sie anzunehmen, mit der Zeit und geduldigem Verständnis kommen die Emotionen allmählich zur Ruhe, und der Sterbende kehrt zum Urgrund von Heiterkeit, Ruhe und Ausgeglichenheit zurück, der sein eigentliches Wesen ist.

Sei nicht zu gescheit; versuche nicht, dauernd tiefgründige Aussagen zu machen. Du musst überhaupt nichts sagen oder tun, um irgend etwas besser zu machen. Sei einfach ganz und gar da, so präsent, wie du nur kannst. Und wenn du vor lauter Angst nicht mehr weißt, was du tun sollst, dann gestehe das dem sterbenden Menschen offen ein, und bitte um seine Hilfe. Diese Aufrichtigkeit wird euch einander näherbringen und zu einer freieren und offeneren Verständigung beitragen.

Manchmal wissen die Sterbenden selbst viel besser als wir, womit ihnen am besten geholfen ist, und wir müssen bereit sein, ihr Wissen anzunehmen und lernen, uns von ihrer Weisheit leiten zu lassen. Cicely Saunders hat uns stets daran erinnert, dass wir in unserer Beziehung zu Sterbenden nicht ausschließlich die Gebenden sind. "Früher oder später erkennen alle, die mit Sterbenden arbeiten, dass sie mehr bekommen, als sie geben, weil sie in dieser Arbeit Geduld, Mut und häufig genug Humor finden." 2 Indem wir zu erkennen geben, dass wir ihren Mut sehen und schätzen, können wir sterbende Menschen oft sehr inspirieren.

Mir selbst hat es immer geholfen, wenn ich mich daran erinnert habe, dass der Mensch, der da vor mir stirbt - wer immer er auch sei - letztendlich gut ist. Was immer an Wut oder Emotionen sichtbar wird, wie schockierend oder erschreckend auch immer, das Gewahrsein dieser letztlichen, inneren Vollkommenheit wird dir die Selbstbeherrschung und Weitsicht geben, die du brauchst, um so hilfreich wie möglich zu sein. Wie du ja auch bei einem Streit mit einem guten Freund seine besten Seiten nie ganz und gar vergisst, so verurteile auch den sterbenden Menschen nicht wegen der Emotionen, die vielleicht zum Vorschein kommen. Diese Annahmebereitschaft deinerseits wird es dem sterbenden Menschen ermöglichen, seine Hemmungen so weit wie möglich aufzugeben. Behandle Sterbende immer so, wie sie selbst oft sind: offen, liebevoll und großzügig.

Auf einer tieferen, spirituellen Ebene finde ich es äußerst hilfreich, mir stets bewusst zu sein, dass der sterbende Mensch tatsächlich die Buddhanatur besitzt. Er besitzt das Potential zu vollständiger Erleuchtung, ob er nun darum weiß oder nicht. Wenn ein Sterbender sich dem Tode nähert, wird dieses Potential in vielerlei Hinsicht sogar offensichtlicher und verfügbarer. Ein solcher Mensch verdient also besondere Achtung und Fürsorge.

 

1. Dame Cicely Saunders, "I Was Sick and You Visited Me," Christian Nurse International, 3, no. 4 (1987).

2. Dame Cicely Saunders, "Spiritual Pain", Vortrag bei der 4. internationalen Konferenz des St. Christopher's Hospice, London 1987, veröffentlicht im Hospital Chaplain (März 1988).